Hoffnung

Ich bewege gerade den Satz von Bruder David Steindl-Rast in mir. Er sagte: Die eigentliche spirituelle Hoffnung setzt auf Überraschung. Sie legt sich nicht auf Vorstellungsbilder fest, sondern sie zeigt sich durch die Offenheit für Überraschung. Das heißt wir brauchen Vertrauen in die Überraschung. Wir wollen, dass das Beste, was wir in unseren Köpfen haben, in unseren gedanklichen Bildern, dass sich das verwirklicht, aber die vertrauensvolle Hoffnung, von der er spricht, geht davon aus, dass nicht das Beste herauskommt, sondern dass es zum Besten sein wird. Das ist eine komplett andere Haltung.
Wann sind wir so offen, so zu hoffen, dass wir bereit sind, mit offenem Herzen das zu empfangen, was uns vom Leben gegeben wird?
Ich brauche Vertrauen für so eine Offenheit. Für mich ist mein Glaube so ein Boden, auf dem das gedeihen kann. Ich sehe da das Bild einer Blume, die sich vertrauensvoll zur Sonne hin öffnet. Was die Hoffnung betrifft, taucht das Bild eines Pilgers auf, der vorwärts geht auf ein Ziel hin. Aber der eigentliche Sinn des Pilgerns hängt nicht davon ab, ob er das Ziel erreicht, sondern es geht um das Erleben am Weg. Der Weg entfaltet sich unter meinen Füßen mit jedem Schritt, den ich gehe. In dieser Hoffnung vertraue ich, dass mir das gegeben wird, was ich brauche. Nach der Definition von Vaclav Havel ist Hoffnung nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht. Der äußere Weg fordert mich wahrscheinlich dazu auf, mein Innerstes zu bewegen, eine solche innere Bewegung zu vollziehen, die mich auffordert an meinen Problemen zu wachsen. Sie möchte, dass ich mich mit den Überraschungen am Weg auseinandersetze. Je mehr Vorstellungsbilder ich schließlich durch diese Verarbeitung fallen lassen kann, desto deutlicher gelingt es mir das auf mich Zukommende mit meinem Herzen zu sehen. So kann die Hoffnung und damit die Offenheit für das Leben gedeihen, mit einem offenen Herzen. Jede innere Bewegung ist dann auch ein Schritt voran auf meinem Pilgerweg.
Gerade in der Krise wird die Intensität des Lebens besonders spürbar. Sie holt uns in den Augenblick, wenn wir mit unseren Sinnen anwesend sind. Es sind die Überraschungen am Weg, die uns aus dem Alltag, aus dem Trott herausholen. Wir sind gefordert, wenn wir nicht wissen, wie es weitergeht. Das Leben stellt uns Fragen und wir sind mit unserem Dasein angesprochen zu antworten. Was will das Leben von MIR?
Es sind meine Antworten, die hier gefragt sind, weil ICH gerade DA BIN, wo ich bin. Jeden Schritt, den ich mache, ist er auch noch so klein, jede kleine Handlung, die ich ausführe, erschafft Zukunft. Es wird durch mich etwas Neues geboren, indem ich mit dem Leben interagiere. Mutter Teresa hat gesagt: Keine Kleinigkeit ist zu klein. Ich kann dem, was ich mir wünsche, einen winzigen Schritt entgegen gehen. Und manchmal sind es Schritte, die überhaupt nicht sichtbar sind, aber die überhaupt Voraussetzung sind, dass andere darauf aufbauen können. Und vielleicht bin ich, weil es nicht egal ist, dass ich da bin, der, der hier aufgefordert ist genau diesen ersten Minischritt zu tun. Wir wissen es nicht. Es gibt keine Abkürzungen. Jeder Schritt, jede Handlung, die wir machen, verändert auch uns selbst. Wir sind die Summe all unserer Handlungen – wir verkörpern sie. Die Handlungen wirken nach außen und nach innen. Auf die Fragen des Lebens, die Krisen, auf die Überraschungen können wir uns nicht vorbereiten. Es gibt da draußen niemanden, der uns sagen könnte, wie es geht.
Die Kraft des Glaubens gibt mir ein Warum, aber das Wie das kommt von mir als die Person, die sich von niemanden in diesem Leben vertreten lassen kann. Auf dem Pilgerweg begegnen uns die Krisen des Lebens, von denen bleiben wir alle nicht verschont, sei es Krieg, Krankheit, Trauer, Sterben, Tod….. Aber entscheidend ist, wie wir damit umgehen. Welchen Sinn kann ich darin erkennen, so dass ich nicht innerlich tot und abgestumpft mein Leben fortführe, sondern dem Leben und den Herausforderungen lebendig begegne mit Hoffnung und somit mit einem offenen Herzen. So werde ich dann auch die Zeiten erkennen können, wann ich mich, wie die Blume freudig der Sonne entgegenstrecken kann.
(29.3.26 Christine Brandl)

Teilen:

Verwandte Themen: