Wenn Mitgefühl ein Virus wäre?

Wenn Mitgefühl ein Virus wäre?

„Hast du nicht Mitleid mit den Sterbenden und Trauernden?“, werde ich oft im Rahmen meiner Tätigkeit als Trauer- und Sterbebegleiterin gefragt. Meine Antwort ist: „Nein, ich habe nicht Mitleid, ich habe Mitgefühl.“ In vielen solchen Situationen wurde mir oft bewusst, dass vielen Menschen der Unterschied zwischen Mitleid und Mitgefühl gar nicht klar ist.

Viele glauben, dass Mitleid in gewissen Situationen einfach angebracht ist, scheint es für viele doch eine mitmenschliche Reaktion zu sein. Außerdem gibt es ja das Sprichwort: „Geteiltes Leid ist halbes Leid.“ Wenn wir uns jedoch den Unterschied zwischen Mitleid und Mitgefühl näher anschauen, können wir erkennen, dass Mitleid uns traurig oder unglücklich macht ohne dass wir das Leid verändern können. Wir beginnen dadurch auch zu leiden. Das heißt Mitleid vergrößert das Leiden. Wenn wir jedoch Menschen mit Mitgefühl begegnen, dann können wir die betreffende Person empor heben. Wir belasten sie nicht mit unserem Leiden. Mitgefühl ist eine aufstrebende Eigenschaft. Mitgefühl ist der Wunsch, das Leiden zu lindern und dafür auch etwas zu tun. Im Mitgefühl öffnen sich uns Wege, am Leiden Anteil zu nehmen ohne dass wir uns mit dem Leid identifizieren. Das Mitgefühl und die Liebe erlauben uns unerschütterlich präsent zu sein.

„Was bedeutet das genau?“, frage mich neulich meine jüngste Tochter als ich über Mitgefühl mit ihr sprach. Daraufhin antwortete ich ihr: „Weißt du, wenn ich mit Menschen zusammen bin, die sehr krank sind und leiden, dann erwarte ich kein bestimmtes Ergebnis.“ Ich erwarte nicht, dass sie nun einen guten Tod sterben werden. Ich weiß es nicht – es wäre lediglich eine Vorstellung. Wenn ich in Gedanken und Erwartungen verfalle, dann verliere ich das was gerade ist in diesem Moment. Dann bin ich nicht mehr verbunden mit dem, was jetzt passiert. Diese ungebrochene Präsenz meint, dass ich mit offenem Herzen den Patienten im gegenwärtigen Augenblick begegne ohne eine Absicht zu verfolgen.“

„Können Menschen lernen, mitfühlend zu sein?“, fragte sie weiter. „Ja, das können sie“, gab ich zurück „und wir sollten es alle lernen.“  In unserer Gesellschaft scheint es an Mitgefühl zu mangeln. Die Entwicklung unserer Kultur hat leider dazu geführt, dass man Menschen, die auf Genesung hoffen, eine Heilung ohne Zuwendung anbietet. Mitgefühl sollte jedoch die Grundlage jedes ärztlichen Wirkens sein. Jüngste Forschungsergebnisse belegen, dass Mitgefühl eine Quelle von Ausdauer, Resilienz und Wohlbefinden sein kann. Mitgefühl macht uns stärker. Es befähigt uns mit den Herausforderungen des Lebens umzugehen. Denn nichts ist beständig – alles ist im Wandel . Vergänglichkeit ist die Natur des Lebens selbst. Veränderungen halten unser Leben am Laufen. Wir werden verletzlich und schwach, wenn wir an unseren Vorstellungen, Wünschen und Dingen festhalten und uns selbst in den Mittelpunkt rücken. Wenn wir mit Mitgefühl auf das Leiden um uns herum reagieren, dann können wir ein menschliches Miteinander erleben und Verbundenheit spüren. Dann verschwinden das Ich und die anderen, und wir können erkennen, dass wir alle in Beziehung zueinander stehen.

Dalai Lama sagte: „Mitgefühl und Liebe sind keine bloßen Luxusgüter. Als die Quelle von innerem und äußerem Frieden, sind sie grundlegend für das Überleben unserer Spezies.“ Wenn wir selbstsüchtig sind, schädigen wir uns und unsere Mitmenschen. Mitgefühl ist keine religiöse Angelegenheit – sie ist eine menschliche Notwendigkeit.

Es gibt einige Forschungsergebnisse über Mitgefühl, die Forschung steckt aber noch in den Kinderschuhen. Ein paar wesentliche Punkte daraus, die für Sie interessant sein könnten, sind:

Anderen zu helfen, macht uns glücklich. Laut den Studien von Elizabeth Dunn konnten Teilnehmer, die Geld für andere spendeten größeres Wohlbefinden erfahren als jene, die Geld für sich ausgaben.

Mitgefühl fördert auch die Langlebigkeit und schützt uns vor Stress. Sara Konrath und Kollegen von der Universität in Michigan berichten aus ihrer Forschung, dass Freiwillige länger lebten als die Vergleichsgruppe, in der keiner einer freiwilligen Tätigkeit nachging. Ausschlaggebend für das Ergebnis war neben der Anzahl der getätigten Stunden vor allem auch das Motiv aus dem heraus gehandelt wurde. Er gab sogar diesbezüglich einen Unterschied, dass jene die freiwillig tätig wurden, um anderen zu helfen, länger lebten als die Personen, die aus ihrer Hilfeleistung irgendwie eine Art persönlichen Gewinn erzielen wollten. Das Motiv ist sehr entscheidend in unserem Tun und das glaube ich betrifft alle Sparten unseres Lebens, nicht nur unsere Hilfsbereitschaft. Wir alle können mitfühlend sein. Es hat keinen Nachteil.

Wir brauchen es in unserer Zeit, in der das emotionale Leid so groß geworden ist, mehr denn je. Dabei dürfen wir uns selbst nicht vergessen. Wir brauchen auch Mitgefühl für uns selbst, damit wir nicht zu hart zu uns sind. Wir brauchen es für unsere Kinder. Wir brauchen es für unsere Gemeinschaften, in den wir leben. Wir brauchen es für unsere Umwelt. Wir brauchen es für unsere WELT.

Mitgefühl ist die Fähigkeit an den Erfahrungen der Lebewesen Anteil zu nehmen, wirkliches Interesse für andere zu fühlen, zu spüren, was sie brauchen und fähig zu sein, sich in den Dienst der Bedürftigen zu stellen.

Ich trete von ganzem Herzen für Mitgefühl ein – wir brauchen eine weltweite Bewegung, um unsere Selbstzufriedenheit zu stoppen. Wir können jetzt damit beginnen. Ich, Du, Wir – verbunden in einem Kreislauf der Erde – haben wir die Lösung für die Probleme unserer Zeit. Lass uns das Mitgefühl verbreiten, so dass es die ganze Welt erreicht. Denn wenn Mitgefühl ein Virus wäre, dann könnten wir die Verbundenheit in jeder Zelle unseres Körpers spüren und wir alle wären füreinander die beste Medizin.

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