Die Übung unseres Herzens

Die Übung unseres Herzens

Im Hörbuch „Sara und die Eule“ fragt das Mädchen die Eule:Gibt es einen Trick wie man sein Herz offen hält?“ Die Eule antwortet: „Du musst es einfach üben. Dann wirst du es besser können.... Du wirst sehen, dass es dir ganz wunderbar geht, wenn du dankbar bist, wenn du etwas genießt oder bewunderst. Das bedeutet, dass dein Herz offen ist. Aber wenn du Schuld zuweist, kritisierst oder an etwas herummäkelst, wird es dir nicht besonders gut gehen. Und das bedeutet, dass du dein Herz wieder verschlossen hast.“

Wir saßen gerade im Auto, als wir uns dieses Hörbuch zu Gemüte führten. Kurz darauf fragte meine Tochter: „Ich soll andere nicht kritisieren, weil mein Herz dann zugeht - das verstehe ich. Aber was ist, wenn mein Opa stirbt und ich total verzweifelt und wütend bin. Wie kann ich da mein Herz offen lassen?“ Eine gute Frage, dachte ich.

Diese Frage konnte ich nicht mit meinem Verstand beantworten. Zuerst versuchte ich diese Frage zu erfühlen. Machte ich mein Herz auch manchmal zu? Nach einer Weile musste ich mir eingestehen, dass ich mein Herz öfters verschloss. Vor allem dann, wenn ich mich über mich ärgerte oder meine Vorstellungen den Kindern überschüttete ohne hinzuspüren was sie gerade brauchen würden. Was war jetzt mit der Frage meiner Tochter: „Wie kann ich mein Herz in schwierigen Situationen offen lassen?“

In unserem  Leben werden wir immer mit Ereignissen überrascht auf die wir nicht vorbereitet sind. Vielleicht enttäuscht uns unsere beste Freundin oder unser Partner betrügt uns oder unsere Kinder verlassen uns. Andauernd passieren ebenso unvorstellbare Grausamkeiten auf der Welt. Wir werden immer und immer wieder konfrontiert mit Veränderungen, Verlusten, Ungerechtigkeiten und es gibt keinen Ort, an dem wir diesem Schmerz entkommen können. Jeder von uns hat seine eigene Geschichte. Einen Körper zu haben, bedeutet Krankheit, Schmerz und Tod zu erfahren. Unser Geist kann unruhig und verwirrt werden. Unser Herz kann sich verletzt und einsam fühlen oder sich fürchten. Vieles davon kenne ich, dachte ich. Ich habe es selbst erlebt oder in meinem nahen Umfeld mitbekommen. Manchmal ist es mir gelungen, mein Herz offen zu lassen, aber in einigen Fällen gar nicht. 

So antwortete ich: „ Es ist nicht immer leicht, sein Herz in solchen belastenden Situationen offen zu lassen. Wir haben aber immer die Wahl. Damit uns das gelingen kann, müssen wir in dem Augenblick der Herausforderung ganz präsent sein. Meist überfluten uns in solchen Momenten sehr schmerzhafte Gefühle wie Traurigkeit und Angst. Das tut sehr weh. Heiße diese Gefühle genauso willkommen wie die Freude. Tauche in diese Gefühle ein, dann wirst du tief in deinem Herzen einen Platz finden, der dich nährt, umsorgt und der deinen Mut und deine Kraft vertieft. Tief in deinem Innersten hast du Kontakt zu einem Raum, der größer und weiser ist als du selbst. Je öfter es dir gelingt, diesen Raum mit all deinem Schmerz zu betreten, desto weiter werden seine Grenzen der Verstehens, der Toleranz und des Vergebens wachsen. Wenn du traurig bist, dann lasse die Traurigkeit zu. Sie wird wieder verschwinden. Verstecke dich nicht hinter Wut und Ärger. Sie trennen dich von dir selbst und den anderen. Mit einem offenen Herzen sind wir an eine große Weisheit angebundenWir können üben, bewusster solchen Augenblick zu begegnen und unsere Gefühle zu verstehen.“

„Ich will meine Traurigkeit doch gar nicht verstecken.“, sagte meine Tochter.Das mag schon sein.“, entgegnete ich. „Aber manchmal passiert es so schnell, dass wir es gar nicht bemerken, dass wir Gefühle unterdrücken. Wenn du es entdeckst, dann denke daran, dass in deinem Herzen eine tiefe Weisheit steckt, die dein Herz größer und deine Erfahrung tiefer machen, wenn du auch diese schmerzhaften Gefühle in dein Herz lässt.“

Ein chinesisches Sprichwort sagt: „Wenn du einen grünen Ast in deinem Herzen trägst, dann wird sich ein singender Vogel niederlassen.“ Wir können die Traurigkeit nicht zerstören, sie ist Teil unseres Lebens. Wir können sie in unserem Herzen umarmen und darauf vertrauen, dass wieder ein singender Vogel kommt, der Freude und Begeisterung zu uns bringt.

Unsere Geschichten sind unterschiedlich, aber unsere Herzen nicht. Sie immer und immer wieder offen zu halten, ist das größte Geschenk, das wir uns, der Welt und allen Lebewesen schenken können.

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