Achtsamkeit mit Kindern

Achtsamkeit mit Kindern

„Wie viele Likes hast du auf Facebook bekommen?“ „362“. „Was nur so wenig?“
„Ich habe 475 bekommen. Du bist ein echter Loser.“ „Ich haue dir gleich eine rein – so etwas sagst du nicht zu mir. Ein Gespräch, das zwischen Paul und Simon abläuft und schließlich zu einem Schlagabtausch führt. Es ist eine bezeichnende Situation, die heutzutage viele Mädchen und Buben betrifft und schließlich zeigt, was passiert, wenn Wut nicht mehr reguliert werden kann.

Elektronische Medien und die vielfältigen Zerstreuungsangebote, die ständig verfügbar sind, setzen unsere Kinder zahlreichen Reizen aus. Die Orientierung im Außen hat neben der Reizüberflutung stark zugenommen. Es ist eine Entwicklung, die nicht mehr umkehrbar ist. Wir können unseren Kindern jedoch lernen, bewusst mit dieser Thematik umzugehen, damit sie diesen Situationen nicht hilflos ausgeliefert sind.
Die Mädchen und Burschen können lernen, ihre Innenwelt zu erkunden, sich mit sich selbst zu befreunden und nicht mehr von inneren Gefühlsstürmen überrollt zu werden. Unsere nachfolgende Generation braucht Raum, um sich selbst zu erfahren und sich selbst wahrzunehmen. Es ist die Haltung der Achtsamkeit, die diesen Raum erschließen kann, wenn sie eingeübt wird.

Mir ist es ein großes Anliegen, Kindern im Bewusstsein im Sinne von Achtsamkeit zu schulen. Das ist der Grund, warum ich begonnen habe, einen Kurs „Achtsamkeit mit Kindern“ auszuschreiben.

Wenn die Kinder Forscher in eigener Sache werden, können sie erkennen, dass ihre persönliche Bewertung die Sicht der Dinge färbt, dass gewisse körperliche Prozesse, auf die sie keinen Einfluss haben, automatisch ablaufen. Die Schulung der Achtsamkeit eröffnet ihnen Möglichkeiten darauf Einfluss zu nehmen. Wer regelmäßig trainiert, lernt sich selbst besser kennen und kann Entscheidungen aus der bestmöglichen Bewusstheit treffen, was sehr gute Voraussetzungen sind, ein erfülltes Leben zu führen. Warum schreibe ich all das? Ich möchte mit all meinem Tun einen Beitrag leisten zu einer Gegenentwicklung der zunehmenden Außenorientierung. Unsere Kinder können nicht mehr schneller, weiter, höher. Viele verzweifelte Menschen suchen nach einem Ausweg, was der Achtsamkeits-Boom bestätigt. Leider gibt es auch einen achtlosen Umgang mit der Achtsamkeit. Die Achtsamkeit ist kein Medikament oder Instrument für eine schnelle Lösung der Alltagsprobleme.

Es braucht eine Haltung der Achtsamkeit. Sie ist ein intensiver Weg der Selbstbegegnung. Ich möchte es den Kindern ermöglichen, sich in dieser Haltung selbst besser kennen zu lernen. In meinem Kurs erlebe ich es wie wohltuend es Kinder erleben, Zugang zu sich selbst zu finden und Geist und Körper zu vereinen. Für viele Kinder ist es eine völlig neue Erfahrung, die sie weder zu Hause noch in der Schule machen können. Sie lernen ein Gewahrsein. In dem Kurs starte ich mit der Atembeobachtung. Es folgt eine Reihe von Wahrnehmungsübungen. Die Kinder erwerben eine immer differenziertere Fähigkeit zur Selbstbeobachtung. Je öfter sie üben, sich selbst zu beobachten, desto leichter können sie ein Bewusstsein für sich und ihre Denk- und Fühlweise entwickeln. Die Haltung der Achtsamkeit liefert einen wundervollen Boden, mehr Gewahrsein in den Alltag einziehen zu lassen.
Für Kinder ist es eine überaus wertvolle Zeit, sich von dem ständigen orientiert sein im Außen nach innen zu wenden. 

Das Gespräch zwischen Paul und Simon könnte nach einem regelmäßigen Training der Achtsamkeit auch so verlaufen:
„Wie viele Likes hast du auf Facebook bekommen?“ „362“. „Was nur so wenig?“
„Ich habe 475 bekommen. Du bist ein echter Loser.“
Simon nimmt wahr, dass Wut in ihm auftaucht. Er hat die Wahl nun zu reagieren und beschließt sich nicht herausfordern zu lassen. Er will Herr seiner Lage bleiben und antwortet: „Mir ist egal, was du darüber denkst. Ich freue mich über meine 362 Likes.“ Es gelingt ihm nicht immer, sein Muster, gleich wütend zu werden und zuzuschlagen, zu umgehen. Aber diesmal ist es ihm gelungen und darauf ist er sehr stolz.

Der Pfad der Achtsamkeit wird, wenn er öfters begangen wird, immer breiter und es entwickeln sich langfristig neue Handlungsoptionen für unsere Kinder. 

Teilen: